von Pastorin Meike Müller-Bilgenroth

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder,

gleich zu Anfang wird das Ende eingeläutet-  der Predigttext für diesen ersten Sonntag der Passionszeit führt uns nämlich schlagartig an das Ende des Lebensweges Jesu, zu seinem letzten Abend mit seinen Freundinnen und Freunden. Er sitzt mit ihnen gemütlich zum Abendessen zusammen, sie feiern das Passahfest, haben gegessen und getrunken. Vorher hat Jesus allen die Füße gewaschen. Der Evangelist Johannes berichtet davon, bevor es dann zum „Countdown“ kommt und die letzte Nacht anbricht, in der Jesus verraten wird, in der er verurteilt und ans Kreuz ausgeliefert wird, an dem er dann stirbt.

Diese Dramatik nimmt ihren Lauf und als Auftakt dazu gehört die Szene, die heute Predigttext ist. Bei Johannes im 13. Kapitel steht:

21Als Jesus dies gesagt hatte, war er innerlich aufgewühlt und bezeugte und sagte: „Amen, amen, ich sage euch: Jemand von euch wird mich ausliefern.“

22Die Jüngerinnen und Jünger blickten einander an und wussten nicht, von wem er redete.

23Einer von ihnen lag am Schoß Jesu, ihn liebte Jesus.

24Diesem nickte Simon Petrus zu, damit er Jesus frage, von wem er spreche.

25Jener lehnte sich also zurück an Jesu Brust und fragte ihn: „Rabbi, wer ist es?“

26Jesus antwortete: „Es ist der, für den ich das Stück Brot eintunken und ihm geben werde.“ Er nahm also das Stück Brot, tunkte es ein und gab es Judas, dem Sohn von Simon Iskariot.

27Und dann, nach dem Stück Brot, ging die teuflische Macht in ihn ein. Also sagte Jesus zu ihm: „Was du machen willst, das mache schnell!“

28Es verstand aber niemand von denen, die zu Tisch lagen, weshalb er ihm dies sagte.

29Einige meinten, dass Jesus, weil Judas die Kasse führte, ihm sagen würde: „Kaufe ein, was wir für das Fest brauchen!“ Oder dass er den Armen etwas geben sollte.

30Nachdem Judas das Stück Brot bekommen hatte, ging er sofort hinaus. Und es war Nacht. Amen

Liebe Schwestern und Brüder, Jesus gibt seinem Verräter zu essen, er gibt ihm das Brot, stillschweigend, als Zeichen für seinen Auftrag. Jesus weiß um sein Schicksal, für ihn ist alles klar. Im Johannesevangelium wird Jesus zum Regisseur seines Leidens und Sterbens, er behält die Fäden in der Hand, er weiß, dass nun die Zeit erfüllt ist. Das ganze Evangelium hindurch sagt Jesus, dass seine Zeit noch nicht gekommen sei. Nun ist es so weit: Die Zeit ist reif, er muss zurück zum Ursprung, von wo er gekommen war, zurück zum Vater, zu Gott. Von dort war er gesandt worden für eine gewisse Zeitspanne, nun muss er zurück. Und Jesus bestimmt selbst, welche Akteure wie agieren und dabei helfen, seinen Weg zu vollenden. Jesus erklärt seinen Freunden, dass einer von ihnen ihn verraten werde, dass es derjenige sei, dem er das Stück eingetunktes Brot gebe.   Es zeichnete sich vorher schon ab, dass dieser ausgewählte Jünger Judas Iskariot heißt. Ja, er wird ausgewählt, er hat seine Bestimmung, er wird zur Schlüsselfigur für die Leidensgeschichte Jesu. Er beschleunigt das Ende, so dass Jesus sehr bald am Kreuz landet. Groteskerweise gehorcht Judas, denn er tut, was Jesus von ihm verlangt: „Was du machen willst, das mache schnell!“ Judas geht sofort, sehr eilig hinaus, um zu erfüllen, was von ihm verlangt wird.

Jesus instrumentalisiert einen SEINER Freunde, einen aus SEINEM engsten Jüngerkreis, der mit ihm durch Dick und Dünn gegangen ist. Den setzt er ein und macht ihn zum Erfüllungsgehilfen des göttlichen Heilsplanes. So ist es vom Evangelisten Johannes interpretiert und inszeniert worden, wie ein spannendes Drehbuch eines Dramas. Jesus behält als Regisseur alle Fäden in der Hand, bis zuletzt. Sogar am Kreuz regelt er noch die letzten Dinge zwischen seiner Mutter und dem Lieblingsjünger Johannes. Das gesamte Johannesevangelium ist wie solch ein Drehbuch aufgebaut. Und die Zuschauerin bekommt immer schon andeutungsweise mit, dass Jesu Weg dramatisch enden wird.

Der Verräter kommt aus den eigenen Reihen… eine sehr menschliche Erfahrung, die einige von uns selber kennen. Da entpuppt sich jemand, dem man vertraut hat, als Feind, als Gegner. „Was ist nur in ihn gefahren?“ fragt sich mancher, der enttäuscht vor dem Scherbenhaufen einer Freundschaft steht. Als ob eine teuflische Macht in einen Menschen fährt und aus dem Freund einen Feind macht. Der SATAN fährt in Judas und stiftet ihn zum Bösen an. So als ob Judas die Kontrolle über sein eigenes Dasein, über seinen Willen und seinen Geist verliert und eine fremde Macht die Herrschaft in ihm übernimmt. Ein schrecklicher Zustand! Selbst ausgeliefert einem boshaften, zerstörerischen Wahn, dem man von sich aus nichts mehr entgegensetzen kann.

Es berührt mich, dass Jesus einen seiner engsten Weggefährten dazu bestimmt, sein Ende einzuläuten.

Es fällt mir aber schwer, das muss ich zugeben, in der Person des Judas eine frohe Botschaft zu erkennen. Wie kann ein Verrat, und die daraus folgende Tortur von der Verhaftung bis zum Tod am Kreuz die frohe Botschaft bedeuten? Ich werde wütend auf Judas und zugleich tut er mir leid, weil er ja nicht ganz freiwillig diese undankbare Rolle zugeschustert bekommt.

Ich wehre mich dagegen, den Verrat von Judas schön zu reden. Er wiegt nicht leichter, nur weil er das Leiden und den Tod Jesu schneller herbeiführt. Der Verrat bleibt erschütternd und belastend und bleibt wie eine Wunde auf der Haut zurück, die zwar vernarbt, uns aber immer daran erinnert, dass da etwas Zerstörerisches eingedrungen ist, das weh tut.

Was nehme ich nun aus all diesen Überlegungen mit in die angebrochene Passionszeit?

Ich sehe, wieder mal, ein, dass Gottes Wege unergründlich sind und ich sie manchmal einfach nicht verstehe. Ich sehe ein, dass mein menschlich gefälltes Urteil zu kurz greift, dass Gott mit anderem Maß misst als ich. Ich begreife so ganz langsam, was es wirklich bedeutet, dass Gott in Jesus von Nazareth zu uns Menschen kam: Er nimmt das gesamte Spektrum menschlichen Lebens mit, von der tiefsten Freude und Fülle bis hin zum schmerzlichsten Leiden, von tiefer freundschaftlicher Verbundenheit bis hin zum abgründigen Verrat. Jesus bleibt konsequent von der Liebe geleitet, von der göttlichen Liebe, die den Mitmenschen mit einschließt, der es nicht gut mit einem meint, der einem zu schaffen macht, der sogar zum Feind wird. Es ist der Weg Jesu, der sich dem schlimmsten Leiden aussetzt.

Der konsequente Weg der Liebe ist eben kein Sonnenspaziergang, sondern ein enger, schmaler, anstrengender, aufreibender Weg, der alles von einem abverlangt, der alles fordert. Aber nur dieser Weg führt letztendlich zum Ziel!

Gleich zu Anfang wird das Ende eingeläutet- und wir wissen es und spüren es und hoffen es: Es ist nicht das Ende! Sondern das Ziel und DER neue Anfang. Denn dieser Weg Jesu führt durch das Leiden und Sterben hindurch zum Leben! Paradox aber wahr!

Am dritten Tag wird es allen klar: Die Liebe hat gesiegt, hat die Macht des Satans gebrochen. Im Licht vom Ostermorgen erstrahlt diese Wahrheit, die schon jetzt mitten in unser oft dunkles, überschattetes Leben leuchtet.

Gott gebe uns offene Sinne und Herzen, das zu begreifen und zuzulassen.

Amen.  

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Es segne und behüte Sie und Euch der dreieinige Gott:

Vater, Sohn und Heiliger Geist! Amen.